#whattoread? – 2. Weltkrieg

Sicherlich stimmen die meisten mit mir überein, dass ein so schwieriges und sensibles Thema wie der 2. Weltkrieg sehr viel Feingefühl von seinen AutorenInnen abverlangt. Ich glaube das dies vor allem auf Romane und Erzählungen zutrifft. Hier besteht die Aufgabe, den Leser an die tatsächlichen Geschehnisse heranzuführen, ihm ein Gefühl für die damalige Situation und Ängste der Menschen zu geben und in einer bestimmten Art und Weise ihn vielleicht auch zum Ende eine gewisse moralische Verantwortung zu vermitteln. Man bekommt als Leser das Gefühl, Teil der Geschichte zu werden, ganz besonders dann, wenn es sich bei dem gelesenen Buch um einen Zeitzeugenbericht handelt. Ich persönlich habe immer mal wieder Phasen, in denen ich mich unglaublich in das Thema 2. Weltkrieg hineinlesen kann, vielleicht auch muss. Ich weiß es nicht. Ich lese dann alles, was ich finden kann, egal wie schrecklich und grausam es ist, wo man merkt, wie schwer aber auch befreiend es für die Person gewesen sein muss dieses Buch zu schreiben, alte Wunden aufzureißen. Viele verschiedene Gefühle entstehen dann in mir. Angefangen bei Wut, Trauer über Hass und Schuld. Ich denke, dass es nicht ausbleibt, dass man, vor allem als Deutscher, eine gewisse Schuld empfindet, ganz einfach, weil durch uns (bzw. unsere Vorfahren) so großes Unglück über Millionen von Menschen gebracht wurde. Und das nur, weil diese einen anderen Glauben hatten, eine andere politische Einstellung oder eine Krankheit hatten, die es in den Augen der Nationalsozialisten galt „auszumerzen“. Im Grunde würde man annehmen, die Menschen hätten aus diesen schrecklichen Ereignissen gelernt, aber das was im Moment auf unserem Planeten passiert lässt mich immer wieder mit dem Kopf schütteln. Es ist unfassbar, das es Menschen gibt, die anscheinend einfach NICHTS aus der Vergangenheit gelernt haben, die ihre Ideologien mit Gewalt durchsetzten wollen, die Unschuldige abschlachten, zur Flucht zwingen, ohne erkennbaren oder plausiblen Grund verhaften und foltern. Und wenn diese Menschen dann, völlig mit ihren Kräften am Ende zu uns gelangen stehen sie vor verschlossenen Türen und ihnen weht ein rauer Wind um die Nase, obwohl wir doch wissen, was es heißt auf der Flucht zu sein, unterdrückt zu werden und ständig in der Angst zu leben von seinen Nachbarn ausspioniert, verraten und verhaftet zu werden. Ich verstehe die Ängste, vor allem mit Hinblick auf die Anschläge in Frankreich und jetzt auch in München, aber das sind einige wenige Radikalisierte. Die Mehrheit der Flüchtlinge sind Frauen und Kinder, die niemals freiwillig ihre Heimat verlassen hätten. Die genau wie wir einfach nur in Frieden leben möchte, mit der Gewissheit, dass sie am Morgen die Augen aufschlagen können und noch leben, das ihre Kinder eine gute Schulausbildung bekommen und es ihnen eines Tages vielleicht besser geht als ihren Eltern. All diese Menschen unter Generalverdacht zu stellen ist rassistisch und falsch!

Aber um die aktuelle Politik soll es heute und hier jetzt nicht gehen. Ich muss wirklich immer aufpassen, dass ich nicht abdrifte und du lieber Leser nicht frühzeitig das Handtuch wirfst und denkst „Und Tschüß!“.  Aus diesem Grund kommen hier jetzt meine Lieblingsbücher (neben „Die Bücherdiebin“ und „Malka Mai“) die ich jedem nur ans Herzchen legen kann um sich dem Thema 2. Weltkrieg anzunähern.

1) „Alles Liebe deine Anna“ von Jean Little

Bei „Alles Liebe deine Anna“ geht es um die Familie Solden, die mit dem Schiff von Bremerhaven in Richtung Kanada ablegt. Da ihr Vater möchte, dass seine siebenköpfige Familie in Freiheit aufwächst, wandern sie Anfang der 30er Jahre aus. Anna scheint der Tollpatsch der Familie zu sein. Sie hat zwei linke Hände und in der Schule wird ihr ständig vorgehalten, wie schlecht sie im Gegensatz zu ihren Geschwistern doch ist. Aus diesem Grund hat gerade sie besonders Angst vor der Zukunft in Kanada. Allerdings ist gerade dieser Sprung über den „Großen See“ ein Segen für sie, denn dort wird von einem Arzt festgestellt, das sie eine erhebliche Sehschwäche hat. Das hat zur Folge, das sie auf eine andere Schule gehen muss als ihre Geschwister. Sie kommt auf eine Schule für sehbehinderte Kinder, wo sie ganz allmählich auftaut und neue (wirkliche!) Freunde findet. Als es auf Weihnachten zu geht, wird Anna bewusst, dass sie nicht weiß, was sie ihren Eltern schenken soll, denn sie ist immer noch davon überzeugt tollpatschig und unbeholfen zu sein. Sie hat überhaupt kein Selbstvertrauen und wird dadurch immer bedrückter. Mit der Hilfe ihrer wundervollen Klassenlehrerin und ihren Freunden hecken sie einen Plan aus und schafft es ein wunderschönes Geschenk zu basteln. Das Ende ist so wirklich unglaublich schön und jedes Mal wenn ich an diese Stelle komme, bekomme ich Gänsehaut und Tränen in die Augen. Schon allein dafür lohnt es sich dieses Buch zu lesen!

Der zweite Teil „Lass von dir hören, deine Anna“ spielt dann während bzw. zum Ende des zweiten Weltkrieges und ist ebenfalls sehr lesenswert. Vor allem weil sich durch ein sehr dramatisches Ereignis die Beziehung zwischen Anna und ihrem ältesten Bruder Rudi drastisch ändert und sehr innig wird, was man am Anfang der beiden Bücher niemals für möglich gehalten hätte. Ich habe beide Bücher als Jugendliche mehrfach gelesen, sehr geliebt und auch heute noch nehme ich sie hin und wieder in die Hand. Und obwohl die Geschichte ja in den 30iger Jahren spielt, ist es einem nicht schwer gefallen sich mit Anna und ihren Geschwister zu identifizieren. Insbesondere auch, weil wirklich alle Personen sehr gut und liebevoll beschrieben werden.

2) „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ von Judith Kerr

Berlin, Anfang 1933. Der entscheidende Wahlsieg der Nazis steht kurz bevor, der Reichstag brennt und der die folgende Jahre vorherrschende Wahnsinn kündigt sich an. Anna (warum heißen alle Mädchen in diesen Büchern Anna?) und ihre Familie können in letzter Minute in die Schweiz reisen. Allerdings kann ihr Vater, ein bekannter jüdischer Journalist, genauso wenig wie ein halbes Jahr später in Paris nicht Fuß fassen. Seit ihrer Flucht lebt die ganze Familie in ungewohnte ärmlichen Verhältnissen. Viele Dinge, an denen die Familie gehangen hat (unter anderem auch Annas rosa Kaninchen) bzw. was zu ihrem Alltag gehörte mussten sie in Berlin zurück lassen. Die Familie führt ein Nomadenleben, dass sie zum Ende des Buches dann nach London verschlägt, wo Annas Vater endlich Aussicht auf günstigere Arbeitsbedingungen hat.

3) „Das Mädchen im roten Mantel“ von Roma Ligocka

Dieser Roman beruht auf einer wahren Geschichte. Der Geschichte von Roma Ligocka. Es ist eine Autobiografie, die einen zu tiefst berührt und auch noch lange Zeit nach dem lesen beschäftigt. 1938 wird Roma in Krakau geboren. Als sie noch kein Jahr alt ist, müssen ihre Eltern anfangen den Judenstern zu tragen. Das was in den darauffolgenden Jahren mit ihr und ihrer Familie passiert ist unvorstellbar. Die Realität und somit auch Normalität die sie kennenlernt, ist die des Grauens, des Schreiens, der Schüsse und des Todes. Kurz bevor das Krakauer Ghetto liquidiert werden soll, können sie und ihre Mutter fliehen. Sie schaffen es bei einer polnischen Familie Unterschlupft zu finden, vor allem weil diese „die kleine Erdbeere“ so rührend finden. Mit falschen Papieren und blond gefärbten Haaren schafft Roma es die Nazi-Zeit zu überleben obwohl sie viele Male ihren Unterschlupf und die damit verbundene Sicherheit verlassen mussten. Im stalinistischen Polen kommt sie mit vielen verschiedenen und bedeutenden Literaten und Künstlern in Kontakt, auch mit Menschen aus dem polnischen Widerstand. Geprägt durch dieses Milieu emigriert sie nach Deutschland. Erst viele Jahre später, als sie in dem Film „Schindlers Liste“ die berühmte Szene mit dem kleinen Mädchen im roten Mantel sieht, brechen alle Erinnerungen auf sie ein.

4) „Denk nicht, wir bleiben hier“ von Anja Tuckermann und Hugo Höllenreiner

Vergessen, was man uns angetan hat? – Kann man nicht.

Hugo Höllenreiner wächst in München auf; sein Vater betreibt ein kleines Fuhrunternehmen. 1943 wird Hugo mit seinen Eltern und fünf Geschwistern deportiert. Er ist erst neun und weiß nicht, wohin die Reise geht, die im Zigeunerlager in Auschwitz-Birkenau endet. Im April 1945 befreien ihn englische Soldaten aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen. Dazwischen liegen zwei Jahre, über die erst der Sechzigjährige zu reden vermag. In diesem Buch erzählt Hugo Höllenreiner Vieles zum ersten Mal. Er möchte davon berichten, damit junge Menschen erfahren, wie es wirklich gewesen ist (Klappentext).

Wenn man sich mit dem zweiten Weltkrieg auseinander setzt, dann vergisst man oft, das neben den Juden auch viele andere Minderheiten durch die Nationalsozialisten verfolgt, misshandelt und ermordet wurden. Leider gibt es über diese Gruppen auch nicht wirklich viel Literatur, weswegen ich umso erfreuter war, als mir dieses Buch durch Zufall in die Hände gefallen ist. Anja Tuckermann hat es geschafft, Höllenreiners Geschichte aufzuschreiben, ohne sich kommentierend einzumischen. Dabei vermischt sie Erzählungen in der dritten Person mit Erinnerungen und Reflexionen in Originalzitaten, was das ganze extrem anrührend und nachfühlbar macht. Leider ist Hugo Höllenreiner im letzten Jahr verstorben (10.Juni.2015 in Ingolstadt), doch dank dieses einzigartigen Buches wird seine Geschichte auch in Zukunft nicht verloren gehen.

5) „Lauf, Junge, lauf“ von Uri Orlev

Mit gerade einmal neuen Jahren gelingt Jurek die Flucht aus dem Warschauer Ghetto. Bis der Krieg 1945 zuende ist, schlägt er sich alleine durch die Wälder. Er lernt wie man auf Bäumen schläft, mit einem Pferdehaar Vögel fängt und mit der Steinschleuder Eichhörnchen erlegt. Auf dieser Reise erlebt er Unglaubliches. Immer wieder muss er sich in die Hände fremder Menschen geben, die ihm entweder helfen oder aber ihn in die Fänge der deutschen Soldaten mit dem Totenkopf auf der Uniform treiben. Der Roman beruht auf den Erinnerungen eines Mannes, der als Kind den Holocaust überlebte und seine jüdische Identität erst allmählich wiederfand. Was dieses Buch so bewegend macht, ist die Tatsache, dass Uri Orlev ohne Pathos und starke Effekte die Wahrnehmung des Kindes wieder gibt.

6) „Der Junge im gestreiften Pyjama“ von John Boyne

Normalerweise lässt man an dieser Stelle ja immer ein paar Sätze zum Inhalt fallen, damit man weiß, was einen so ungefähr erwartet. Vielleicht haben aber von euch auch schon viele dieses kleine Meisterwerk gelesen und wissen, dass man mit ein paar Sätzen und Phrasen diesem Buch in keinster Weise gerecht wird und jeder Leser seine eigenen Erfahrungen beim lesen machen muss! Vielleicht nur so viel …. Wer mit dem lesen beginnt, begibt sich zusammen mit Bruno (9 Jahre) auf eine Reise. Irgendwann gelangt man an einen Zaun …..

Meiner Meinung nach, sollte dieses Buch in allen Schulen des Landes eine Pflichtlektüre werden. Jeder sollte es gelesen haben, JEDER!

7) „Dank meiner Mutter“ von Schoschana Rabinovici und Mirjam Pressler

8) „Erzähl es niemandem“ von Randi Crott und Lillian Crott Berthung

Natürlich könnte ich diese Liste noch endlos weiter führen, aber dies soll vorerst als kleiner Input reichen. Ich bin immer auf der Suche nach weiterer Literatur in diesem Bereich. Mal verfalle ich in eine Art Rausch und beschäftige mich exzessiv mit diesem Thema und manchmal brauche ich Abstand von mehreren Wochen. Also falls jemand von euch noch weitere Romane, Zeitzeugenberichte etc. hat, die er mir empfehlen kann, dann würde ich mich über jeden Kommentar freuen.

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