#Blick in die Vergangenheit – Wieso studierst du Landwirtschaft?

Willst du Bauer werden?

Äääähh ja, diese Frage musste ich mir tatsächlich anhören, als ich angefangen habe, den Leuten in meinem näheren Umfeld klar zu machen, was ich studiere. Ich mein, es ist ja auch wirklich ein bisschen verrückt. In meiner Familie hat niemand einen Hof, niemand ist jemals längerfristig mit Landwirtschaft in Berührung getreten.  Die aller meisten haben zwar einen Grünen Daumen, was Orchideen und Gartenpflanzen anbelangt, aber darüber hinaus spielt Landwirtschaft nur dann eine Rolle, wenn man in den Supermarkt geht um einzukaufen. Und selbst dann, denkt man nicht an den Landwirten, die Kuh, das Schwein oder das Huhn, wenn man sich abgepackte Milch, eingeschweißtes Fleisch oder in Folie verpacktes Gemüse kauft. Ich war früher genau so. Ich weiß selbst nicht mehr genau warum ich mich schlussendlich für „Agrarwissenschaften “ eingetragen habe. Wenn mich jemand fragt, sage ich meistens, es lag daran, dass ich eigentlich Biologie studieren, aber nicht ständig im Labor abhängen wollte. Kein tolles Argument ich weiß, aber how cares?!

Aber weiter im Text, wie gesagt, ich war im Bezug auf die Landwirtschaft früher genauso. Was interessiert mich der Landwirt wenn ich im Laden stand und es das Produkt nicht gab, dass ich aber jetzt unbedingt haben wollte. Was interessierte mich der Landwirt, wenn die Preise mal wieder (in meinen Augen) viel zu hoch waren, für das was ich da gerade in meinen Einkaufswagen gelegt hatte. Ich hatte diese „Geiz ist Geil“-Mentalität wirklich extrem verinnerlicht. Auch jetzt merke ich manchmal noch, wie sie in mir hochkommt aber dann fallen mir gleich etliche Argumente ein, warum die Preise so sein müssen, wie sie sind und warum sie eigentlich noch viel höher sein sollten. Mein Studium hat mich verändert, es hat aus mir eine kritische Konsumentin gemacht, weil ich jetzt weiß, was es bedeutet, wenn man vor dem Hahnenschrei aufsteht, die Kühe melken muss, danach auf das Feld fährt um die Ernte einzuholen, die aufgrund des schlechten Wetters dieses Jahr sehr mager ausfällt und damit auch der Verdienst für das komplette nächste Jahr, wenn man Maschinen im Wert von einem Kleinfamilienhaus kauft, wenn man seine Herden vergrößert, damit man durch die Masse mehr Geld bekommt, weil die Molkerein die Preise in unfassbare Tiefen drücken, wenn man 80 000 Masthühner in einem Stall hält, in dem die Kühlung ausfällt und alle Tiere verenden, wenn man seinen Hof verkaufen muss, weil man vor dem Bankrott steht, weil das eigenen Handwerk nicht mehr wertgeschätzt wird. Ich könnte lange, sehr lange so weiter schreiben und doch würde es immer auf das eine Hinauslaufen.

Die Menschen wissen nicht mehr, was für einen großen Dienst die Landwirtschaft ihnen eigentlich erweist.

Natürlich gibt es auch die Schattenseiten in diesem Berufsfeld. Da sind Nitratverunreinigungen im Grundwasser, falscher Gebrauch von viel zu vielen Düngemitteln, Massentierhaltung, die oft gegen sämtliche bestehende Tierschutzgesetze verstößt und die absolutes Leid mit sich bringt, Neonicotinoide die unsere wichtigsten Helfer – die Bienen (und ganz wichtig auch Wildbienen!) – vergiften und töten, Antibiotika-resistente Keime in Schweine- und Geflügelställen die für den Menschen lebensbedrohlich werden können, falsche Bearbeitung des Bodens bis hin zu seiner völligen Erschöpfung, Gen-veränderte Organismen (GMO), deren Auswirkungen auf den Menschen und die Umwelt noch gar nicht richtig erforscht wurde usw.

Ich finde dieses Feld, zwischen dem was die Landwirtschaft leistet für die Allgemeinheit und den ganzen negativen Ergüssen aus ihr sehr spannend. Denn alles ist so selbst gemacht. Die Politik hat in so vielen Bereichen extrem versagt. Ständig ging es um Gewinnmaximierung, um Steigerung der Erträge und das Tier, der Mensch wurden völlig Außen vor gelassen. Tiere wurden zu Maschinen, Maschinen die echte, lebendige NachkomZunge in Nase - Kuhmen produzieren, die wir dann wieder in Fabriken stecken können um sie zu mästen und sie nachher auf unsere Teller knallen können. Maschinen, die unnatürlich viel Milch geben, jedes Jahr ein Kalb produzieren, dass ihnen direkt nach der Geburt entrissen wird und vielfach danach getötet (was in Europa illegal ist, in Kanada aber zum Beispiel gängige Praxis), weil es nur ein Kostenverusacher ist, vor allem wenn es ein Männchen ist. Maschinen, die fast jeden Tag ein Ei legen, deren Knochen durch den starken Kalzium Bedarf so porös sind, das fast jede Henne Brustbeindeformationen oder Brüche hat und deren Leben oft schon direkt nach dem Schlupf vorbei ist, wenn sie ein Hahn sind.

Und wer jetzt noch immer meint, die Landwirtschaft muss weiter immer größer, immer schneller werden, der möge doch auch einmal einen Blick auf unsere Felder werfen. Was wird dort fast nur noch angebaut? Mais. Mais soweit das Auge reicht. Hier und da vielleicht mal unterbrochen von Weizen, Gerste und Raps. Man findet kaum Felder, die als Grünbrache gehalten werden um dem Boden eine Erholung zu gönnen. Denken wirklich noch so viele Menschen (und vor allem auch Landwirte) das man immer so weiter machen kann und es im Boden ein unsichtbares Depot gibt, das die Fruchtbarkeit niemals weniger werden lässt? So ein Blödsinn. Jedes Depot ist irgendwann erschöpft. Die meisten Böden in der konventionellen Landwirtschaft sind schon seit Jahren so gut wie tot. Sie können nur weiter genutzt werden, weil die Landwirte Tonnen um Tonnen an Düngemittel benutzten. Und mit tot meine ich vor allem das Leben im ganz, ganz kleinen. All die kleinen Milben, Springschwänze und unser liebster Freund, der Regenwurm. Sie sind solche wichtigen Bodenbauer, ohne sie funktioniert dieses zarte Geflecht einfach nicht. Es kann nicht funktionieren, denn jedes dieser Lebenwesen hat doch eine Aufgabe. Auch das für unsere Masttiere am anderen Ende der Welt Regenwald abgeholzt wird ist so pervers. Unser Hunger nach Fleisch zerstört unseren blauen Planeten und wir rennen fröhlich lachend in den Abgrund. Manchmal macht es mich wirklich so unfassbar traurig, wütend und hilflos. Ich könnte mir die Haare raufen!

Mir waren damals all diese Zusammenhänge nicht wirklich bewusst als ich das Studium angefangen habe. Erst im Laufe der Zeit wurden mir die Zusammenhänge klar und ich habe angefangen zu verstehen. Es ist ein Prozess, der lange dauert und den jeder für sich selber gehen muss. Das ist wie mit dem Schritt, Vegetarier oder Veganer zu werden. Wenn ich krampfhaft versuche andere davon zu überzeugen, dass dies der einzig wahre Weg ist, dann stoße ich nur auf Ablehnung und Ignoranz. Man kann nur versuchen mit diesen Menschen sachlich und klar verständlich zu sprechen.

Wenn ihr gute Bücher oder Videos zu diesem Thema finden wollt, dann schaut doch mal hier oder in den unten aufgeführten Angaben.

Als ich dann meinen Bachelor in der Tasche hatte, hatte ich auch einen Rucksack voll Informationen, mit denen sich völlig neue Welten eröffnet haben. Ich weiß noch lange nicht alles. Es gibt so viele Zusammenhänge, die einfach so komplex sind. Aber ich will sie kennen lernen. Ich habe auch gemerkt, dass die konventionelle Landwirtschaft nicht der Weg ist, die unsere Zukunft bedeutet, auch wenn Politiker und Großkonzerne uns das immer so gerne verklickern möchten und leider fällt die Mehrheit der Menschen auf sie herein. Für mich ist vielmehr die kleinbäuerliche Landwirtschaft, die Ökologische Landwirtschaft, die Verbindung mit der Natur, die Erhaltung von Ökosystemen und die Besinnung auf das, was früher jedes kleine Kind wusste ausschlaggebend. Aus diesem Grund studiere ich jetzt „Agrarökologie“. Ich möchte Zusammenhänge erkennen, erklären können und Menschen für die Natur und alles was uns umgibt begeistern, ich möchte ihnen zeigen, wie sie zu kritischen Konsumenten werden, die sich nicht mehr alles gefallen lassen. Es gibt so viel zu entdecken, zu schützen und wenn wir nicht aufpassen, dann können wir unseren Enkelkindern von vielen Dingen nur noch in der Vergangenheitsform erzählen. Wollen wir das? NEIN.

Aus diesem Grund, empfinde ich es nicht als Beleidigung wenn mir jemand sagt, dass ich studiere um Bauer zu werden, denn das ist es was ich machen will. Bauer zu sein ist kein Schimpfwort. Ich möchte wieder die Tiere , den Boden, die Natur wertschätzen. Und auch wenn das Ideologisch klingen mag und völlig weltfremd, ich glaube, dass dies zumindest für mich der richtige Weg ist. Ich bin froh, dass ich nach all den Jahren, in denen ich nicht wusste was ich werden will, etwas gefunden habe, in dem ich meine Zukunft sehe. Wo ich dann später arbeiten werde, das steht noch in den Sternen (leider – das belastet mich ein bisschen) aber ich glaube, dass ich immer Arbeit finden werden, denn Landwirtschaft werden wir IMMER gebrauchen. Landwirtschaft ist LEBEN.

Agricutlure is for all of us

Bücher und Filme die ich empfehlen kann um sich kritisch mit dem Thema Landwirtschaft auseinander zusetzten:

– Sepp Holzer, der Agrar-Rebell (hier)

– Die Bienen von Laline Paull (hier) -> ein ganz bezauberndes Buch ♥, in dem Zusammenhang kann ich auch nur die Dokumentation „More than Honey“ empfehlen (läuft z.B. auf Netflix)

Cowspiracy (z.B. auf Netflix oder DVD)

– Landraub -> ein super interessanter Film über die Praktiken des sog. Land Grabbings

– „Der Bodenatlas“ sowie „Der Fleischatlas“ vom BUND

Falls ihr noch mehr Informationen zu einzelnen Themenbereichen haben möchtet, lasst es mich wissen … Fühlt euch frei zu fragen 🙂 Ich werde versuchen alles zu beantworten.

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