#Filmbesprechung (Dokumentation) – The Hunting Ground

Gestern Abend konnte ich nicht schlafen. Das passiert mir eigentlich nicht oft und meistens hilft es dann, wenn ich etwas lese oder einen Film/Dokumentation gucke. Gestern war es dann letzteres und es ist eigentlich ein Wunder, dass ich danach schlafen konnte, denn mich hat die Geschichte ziemlich mitgenommen und beschäftigt. Das ist vielleicht auch der Grund, warum ich heute so extrem gerädert und müde war.

The Hunting Ground ist eine Dokumentation, die auf Netflix läuft und von Kirby Dick stammt. Sie ist 2015 erschienen und thematisiert sexuelle Gewalt an US-amerikanischen Hochschulen. Es werden Interviews von StudentInnen gezeigt, die von sexuellen Übergriffen bis hin zu Vergewaltigungen berichten und von den Schwierigkeiten, diese öffentlich zu machen oder jemanden in der Studienverwaltung zu finden, der ihnen glaubt und sie unterstützt.

Die im Film genannten Daten und Erhebungen berufen sich auf zwei nicht repräsentative Befragungen unter Studenten an zwei staatlichen Universitäten im Jahre 2007. Aus denen geht hervor, dass angeblich jede 5 Studentin während ihrer Studienzeit Opfer einer Vergewaltigung oder eines Versuchs wird. Alle Universitäten in der Dokumentation weisen vehement die gemachten Vorwürfe zurück und stellen sie als Verleumdungen dar. Daraufhin habe ich mal geschaut, gibt es solche Umfragen auch an deutschen Hochschulen? Leider habe ich keine wirklichen Daten gefunden, außer einen Artikel, der die Geschichte einer jungen Studentin erzählt, die von dem Dekan ihrer Fakultät missbraucht wurde. Eine Polizisten, von der sie befragt wurde, hat sie doch allen ernstes gefragt „ob sie denn alles für ihre Doktorarbeit tun würde“. Gott, in was für einer Welt leben wir?

Da ich selber Studentin bin haben mich die Schicksale dieser starken Frauen extrem berührt. Und ganz gleich, ob die in der Dokumentation genannten Zahlen nach oben gepusht wurden, es ist sicherlich unumstritten, dass es sexuelle Übergriffe an Universitäten, genauso wie überall sonst im öffentlichen sowie natürlich auch dem privaten Raum gibt. Einige Aussagen, von hohen Verantwortlichen, aber auch von jungen Männern, die im Film zu Wort kamen, haben mich sehr getroffen. Teilweise schwingt eine solch frauenverachtende Meinung mit, das man Gänsehaut bekommt. Zum Beispiel wurde dort eine Verbindung (SAE – besser bekannt als „Sexual assault expected“, also frei übersetzt „Sexuelle Übergriffe zu erwarten“!) gezeigt, die sich vor einem Wohnkomplex für Mädchen zusammen gerottet hat und skandierten: „No means Yes & Yes means anal“oder „Nur weil eine Frau Nein sagt und man trotzdem Sex hat, ist das doch keine Vergewaltigung“ oder „Wenn sie sich so anzieht, ist sie selber Schuld, wenn Typen sie bespringen“. Genau solche Denkweisen sind daran schuld, dass jährlich 1000ende von Frauen in Deutschland und natürlich auch weltweit Opfer sexueller Übergriffe werden und dann auch noch in der Gesellschaft angeprangert bekommen, das sie selber Schuld sind, dass ihnen das passiert ist. Ich mein, wie krank bitte ist diese Welt? Wann hört das endlich auf, dass Frauen nur als Waren betrachtet werden? Das man mit ihnen machen kann was MAN(N) will ohne dafür bestraft zu werden?

Wenn eine Frau, ein Mädchen (und natürlich auch Jungen und Männer) NEIN sagen, dann bedeutet das auch NEIN. Wenn man sich dem wiedersetzt und es ist egal, ob das passiert, wenn man in einer Beziehung ist oder nicht (erst seit 1997 ist eine Vergewaltigung innerhalb einer Ehe als Strafbar anerkannt! WAS?), dann ist das in meinen Augen eine Vergewaltigung. Allerdings reicht das laut dem Bundesgerichtshof aber nicht. Laut ihrer Auslegung und obwohl der Paragraf §177 etwas anders sagt, liegt eine „richtige“ Vergewaltigung nur dann vor, wenn die Frau sich heftig gewehrt hat! Ist nicht die Botschaft die das vermittelt: „Du bist selber Schuld, das dir das passiert ist!“. Dabei ist es doch wohl absolut normal, dass man, wenn man in eine solche unerträgliche Situation gerät, einfach alles wegblendet. Man nennt dies „Freezing“. Wissenschaftlich ist es auch längst bewiesen nur die deutschen JuristInnen im Strafverfahren erkennen es als Abwehrreaktion nicht an (Quelle), eben so wenig die Folgen, die mit einer Vergewaltigung einhergehen. Anscheinend haben diese Damen (und das ist das wirklich schlimme daran!) und Herren noch nichts von Posttraumatischen Belastungsstörungen gehört.

Ich kann mich sehr glücklich schätzen, noch nie in eine derartige Situation geraten zu sein. Ich finde es unfassbar stark, mutig und bewundernswert, wie die Frauen teilweise in der Doku mit diesem unfassbar dramatischen Eingriff in ihr Leben umgegangen sind. Ich glaube so etwas lässt einen nie wieder los. Es begleitet dich immer, egal wohin du gehst, egal wen du triffst. Es beeinflusst dein sozial Leben, deine Beziehung zu anderen Menschen, dein Vertrauen für andere ist bis ins kleinste Mark erschüttert. Manche können einem Mann vielleicht nie wieder vertrauen. Sie werden nie eine Familie gründen, nie selber Kinder bekommen, obwohl das vielleicht immer schon ein Teil ihrer Lebensplanung war. Eine ganze Existenz wird zerstört.

Mir macht es Angst, zu lesen, dass immer weniger Frauen sich trauen eine Vergewaltigung zur Anzeige zu bringen. In Deutschland ist jede 7 Frau seit ihrem 16. Lebensjahr Opfer einer Vergewaltigung oder einer sexuellen Nötigung geworden. Dies geht aus einer Dunkelfeldstudie des Bundesfrauenministeriums hervor. Von diesen Frauen gehen aber nur 8 % zur Polizei was bedeutet, das 92 % der Täter völlig unbehelligt bleiben! Deutschland hat im Vergleich zum Europäischen Durchschnitt auch die niedrigste Anzeigenquote (Quelle)! Ist das nicht unglaublich? Mich macht das total fertig und traurig. Das Frauen, obwohl wir schon so viel erkämpft haben, immer noch wie Ware und zweite Klassemenschen behandelt werden. Ich merke, dass ich, je älter ich werde, immer mehr zur Feministin werden, aber nicht so eine wie Alice Schwarzer oder die „Oben-ohne-Feministen“ , sondern ich bin eher dazwischen. Ich gehöre zu den Frauen, die es nicht mehr hinnehmen wollen, das Frauen immer als Gleichberechtigt gelten, aber in den Augen von manchen Männern besser hinter dem Herd aufgehoben (auch wenn es viele Frauen gibt, die das gerne wollen) sind, Kinder kriegen und den Mund halten sollen, eindeutig weniger verdienen, dadurch, dass sie sich um die Kinder kümmern, schlechtere Karrierechancen haben und und und. Frauen sind es wert, geliebt zu werden. Wir sind es wert unser Leben zu leben wie wir das wollen und wir sind es wert selber darüber zu entscheiden!

Habt ihr diese Dokumentation selber gesehen und wenn ja, wie fandet ihr sie? Oder habt ihr vergleichbare Dokus euch angeschaut? Wie ist eure Meinung zu diesem unfassbar schwierigen Thema? 

Quellen und weitere Informationen:

– Frauen gegen Gewalt e.V. – bff: Bundesverband Frauenberatungsstellen und Frauennotrufe

– Wer braucht Feminismus? – Internetseite

Offizielle Website

Wikipedia – The Hunting Ground

– §177 – Sexuelle Nötigung; Vergewaltigung aus dem Strafgesetzbuch

Wikipedia – Posttraumatischen Belastungsstörungen

EDIT: Diese Dokumentation von #WDR360 („Vergewaltigung – wie sicher sind deutsche Unis?„) gefunden. Sie spricht genau das Thema an. Wenn ihr mögt, schaut doch auch dort vorbei!

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3 thoughts on “#Filmbesprechung (Dokumentation) – The Hunting Ground

  1. Die Doku klingt auf jeden Fall sehr heftig 😮 Ich schaue mal selbst auf Netflix, ob ich mir die Doku vielleicht auch noch anschauen werde.
    Solche Probleme müssen grundsätzlich (nicht nur an Hochschulen) gemeldet werden und man darf bei sowas nicht wegschauen.

    Gefällt 1 Person

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