#Filmbesprechung (Dokumentation) – Audrie & Daisy

Stell dir vor, du bist auf einer Party. Du feierst ausgelassen, alles ist super. Du hast Spaß, deine Freundinnen haben Spaß. Du trinkst, vielleicht auch ein bisschen zu viel, aber hey, man lebt nur einmal und du willst dein Leben in vollen Zügen genießen. Du merkst wie du immer benebelter wirst, vielleicht solltest du dich etwas hinlegen. Plötzlich ist ein Freund bei dir um dir zu helfen. Er bringt dich nach oben und du fühlst dich sicher, denn er ist einer der wenigen, mit denen du sprechen kannst ohne das er dich ins Bett kriegen will. Du schläfst ein. Als du aufwachst, bist du nackt und alleine. Was ist passiert?

Am nächsten Tag in der Schule schlägt dir ein eiskalter Wind entgegen. Du läufst den Gang entlang und alle, wirklich alle starren dich an. Mit undurchsichtigem Blick. Manchen steht blanke Verachtung in den Augen andere mustern dich lüstern oder mit einem fetten Grinsen im Gesicht. Du weißt nicht was los ist, aber irgendwo in deinem tiefsten Innern breitet sich eine Ahnung aus und du weißt, dass es etwas mit der Party zu tun hat. Dann siehst du eine Gruppe Jungen. Sie starren alle auf ein Handy. Lachen, reden, machen obzöne Gesten. Du erhaschst einen Blick und in dir zerfällt alles wie ein Spiegel in tausend kleine Teile. Du bist es. Nackt, völlig weggetreten. Du hältst es nicht mehr aus, lässt dich krank schreiben und fährst nach Hause. Selbst Wochen später bist du immer noch das Gespräch der Schule. Du wirst gemieden, beleidigt und gemobbt. Du hältst es nicht mehr aus. Dein Leben ist in deinen Augen zerstört. Du hast niemanden an den du dich wenden kannst und denkst, für dich gibt es nur einen Ausweg.

... Cohen & Jon Shenk, Daisy Coleman on Audrie and Daisy | The Mary Sue
(Quelle)

Diese Geschichte ist nicht erfunden. Es ist die Geschichte von Audrie. Sie könnte aber auch die Geschichte sein von vielen, vielen anderen Mädchen, Frauen und auch Jungen sein. Ich habe durch Zufall diese Dokumentation entdeckt. Ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich sie gucken wollte, denn das Thema und die Konsequenzen sind heute so aktuell wie noch nie und sie sind schrecklich und grausam. Pornografische Aufnahmen von Mädchen, die bewusstlos oder in einer anderen beeinträchtigten Situation gemacht wurden und die dann an der ganzen Schule, dem Freundeskreis oder wildfremden Menschen gezeigt werden ist kein Kavaliersdelikt. Es ist eine Straftat, die auch dementsprechend behandelt werden muss!

„U have no idea what its like to be a girl!“ – Audrie im Chat mit JohnR

Die amerikanische Dokumentation „Audrie & Daisy“ wurde 2016 auf Netflix veröffentlicht und behandelt drei Fälle von sexuellen Übergriffen und anschließendem „cyberbullying“ des Opfers und deren Familien. Der Ausschlaggebende Punkt für diese Dokumentation war die Faszination der beiden Direktoren Bonni Cohen und Jon Shenk bezüglich der Rolle von „Social Media“ auf das Leben von Teenagern. Sie haben selber zwei Kinder in dem Alter der beiden Mädchen, um die es in dieser Dokumentation geht.

Ich musste die ganze Zeit Parallelen zwischen dieser Dokumentation und „The Hunting Ground“ ziehen. Und ich bin wieder so wütend geworden. So wütend auf diese Jungen, auf die Polizisten, auf diese Gesellschaft, auf das ganze System. Ich glaube solche Dokumentationen tun mir nicht gut, aber ich spüre auch eine Art Zwang sie zu schauen, weil ich verstehen will. Ich will etwas verstehen, das man nicht verstehen kann. Zum Beispiel ging es auch hier wieder darum, ab wann ist eine Vergewaltigung eine Vergewaltigung. Die Anklage gegen die Täter von Daisy Coleman wurde fallen gelassen, weil es zu keiner Gewaltanwendung kam. Was bitte ist an einer Vergewaltigung KEINE Gewaltanwendung. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es einfach nicht.

„Es wurde wichtiger die Jungs zu schützen, als Gerechtigkeit der Mädchen herbeizuführen“ – Mutter von Paige Bourland (Robin Bourland)

Ich finde Mobbing ist eines der schlimmsten Dinge, die sich Kinder bzw. Jugendliche antun können. Natürlich gibt es auch Mobbing auf der Arbeit, im sozialen Miteinander, aber Kinder und Jugendliche können besonders grausam sein. Und das Internet, unsere ständige virtuelle Präsenz macht uns noch angreifbarer. Die Täter können anonym ihren Hass ablassen. Sie sind mutiger als im realen Leben, sie sind gemeiner, unberechenbarer. Cyberbullying ist eine unfassbar mächtige Form der Gewalt und ich glaube es ist eine Mammutaufgabe für Richter, Gerichte und Gesetztesentwickler (gibt es dieses Wort eigentlich?) auf diese Entwicklung richtig einzugehen. Ich meine, so etwas gab es in unserer Geschichte noch nie. Es existieren keine Gesetzte dafür (oder nur wenige) und niemand weiß eigentlich wirklich, wie man damit umzugehen hat. Wie soll man damit leben, wenn anrüchige Fotos von dir im Internet existieren, die jeder Mensch auf der Welt ansehen kann und es keine Möglichkeit gibt diese zu löschen? Was einmal online gestellt wurde, wird immer irgendwo zu finden sein. Immer!

„Du fängst an zu glauben, dass all die schlimmen Dinge die über dich gesagt werden wahr sind. Dein Selbstbild ändert sich vollständig und du bist nur noch ein Schatten deiner selbst. Du glaubst das es nur aufhören kann, wenn du dich umbringst. Das stimmt überhaupt nicht aber das ist das einzige, was du siehst. Du bist in einer düsteren Verfassung und erkennst nicht das Licht um dich!“ – Daisy Coleman

Ich habe während des schauens gemerkt, dass mein Mitgefühl gegen über der Mädchen und ihren Familien immer weiter gewachsen und immer stärker geworden ist. Ich kann nicht verstehen, wie es Menschen gibt (darunter auch selber Mütter und Väter) die diese Mädchen, denen offensichtlich schreckliches widerfahren ist, als Lügnerinnen und Schlampen beschimpfen. Wie würden sie sich fühlen und reagieren, wenn sie auf einmal in die Opferrolle geschubst werden würden. Würden sie dann nicht auch hoffen, das ihnen und ihrer Tochter/ ihrem Sohn jemand beisteht und sie unterstützt? Wo bleibt da die Empathie, das Menschliche? Natürlich gibt es immer zwei Seiten, aber ist es nicht offensichtlich, dass etwas falsch läuft, wenn auf einmal der Täter zum Opfer gemacht wird und das Opfer der Buhmann?

Zum Glück ist Daisy eine so starke Frau und ich bewundere sie. Ich bewundere alle Mädchen in diesem Film. So viel Schmerz, so viel Selbsthass, soviel Schweigen von Offiziellen, so viel falscher Schutz für jene die diesen nicht benötigen. Meine Hochachtung gehört allen Frauen, die das selbe durchgemacht haben, die stark sind und die einen unbändigen Willen haben zu leben.

Wie denkt ihr darüber? Fällt es euch auch schwer solche Dokumentationen zu schauen, weil sie euch so emotional fertig machen, ihr es aber nicht schafft sie nicht zu gucken?

Quellen:

Internetauftritt über die Dokumentation

Wikipedia-Artikel zu Adurie Pott

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