#Rezension – Honigtot

Honigtot (Achtung mit Spoiler!)

Autor: Hanni Münzer

Preis: 9,99 € (Taschenbuch) / 10,30 € (Österreich)

Seitenanzahl: 480

Verlag: PIPER

Worum geht es? Wie weit geht eine Mutter, um ihre Kinder zu retten? Wie weit geht eine Tochter, um ihren Vater zu rächen? Wie kann eine tiefe, alles verzehrende Liebe die Generationen überdauern und alte Wunden heilen?
Als sich die junge Felicity auf die Suche nach ihrer Mutter macht, stößt sie dabei auf ein quälendes Geheimnis ihrer Familiengeschichte. Ihre Nachforschungen führen sie zurück in das dunkelste Kapitel unserer Vergangenheit und zum dramatischen Schicksal ihrer Urgroßmutter Elisabeth und deren Tochter Deborah. Ein Netz aus Liebe, Schuld und Sühne umfing beide Frauen und warf über Generationen einen Schatten auf Felicitys eigenes Leben.

Wie fand ich es? Ich bin ein Mensch, der phasenweise sehr gerne Literatur liest, die sich mit dem zweiten Weltkrieg befasst. Manchmal, vor allem wenn es Zeitzeugenberichte sind, nimmt es mich sehr mit und dann kann ich mich wieder eine ganze Zeit nicht mehr mit diesem Thema befassen. Meine letzten Bücher, die ich gelesen hatte, waren alle ausnahmslos sehr lustig, voll mit Zuckerguss bis oben hin und mir war wieder nach etwas ernsthafterem. Da „Honigtot“ schon sehr lange auf meinem SUB lag und ich eigentlich auch schon einmal fast bis zur Mitte gelesen hatte, dachte ich mir, bekommt es jetzt mal wieder eine neue Chance. Und was soll ich sagen. Ich war sofort gefangen. Sofort im Geschehen drin. Mir gefällt, das die Geschichte in unserer Jetztzeit anfängt und dann, nachdem Felicity erfahren hat, dass ihre Oma ein Geheimnis jahrzehntelang mit sich herum trug, in die Zeit des 2. Weltkrieges wechselt.

Beim lesen hatte ich zwischenzeitlich das Gefühl, als ob die Charaktere absichtlich immer etwas wage bleiben. Mir fiel es aus diesem Grund auch etwas schwer, eine Bindung zu den einzelnen Personen aufzubauen. Die einzige, bei der das relativ schnell ging war Deborah. Sie hat mich fasziniert. Sie ist ein unglaublich starkes Mädchen, aber gleichzeitig auch so fragil und verletzlich. Sie ist einsam, hat niemanden, an den sie sich nach dem Tot ihrer Mutter wirklich wenden kann und wird auch noch wie eine Ware behandelt, nur weil sie Halbjüdin ist – hierbei denke ich vor allem an das Gespräch zwischen Albert und seinem Bruder, wo er ihm, kurz nach dem Tod von Deborahs Mutter sagt, dass er sie als seine Geliebte will. Ich habe in dem Kapitel unglaublichen Brechreiz bekommen, denn dieser Typ ist all das, was man sich unter einem damaligen Nationalsozialisten und SS-Sturmführer vorstellt. Er ist widerlich, eiskalt und herablassend. Es läuft mir kalt den Rücken herunter, wenn ich mir diese Person vorstelle und mir ausmale, dass Deborahs Mutter sich ihm hingegeben hat, nur weil er ihre Kinder und sie beschützt. Ich mein, ich möchte sie nicht verurteilen, denn ich wüsste nicht wie weit ich für die Sicherheit meiner Kinder gehen würde, vor allem in einer solchen schweren Zeit. Aber wenn man bedenkt, was diese Entscheidung für die Seelen ihrer Kinder bedeutet, dann wird mir ganz anders.

Mein Bild über Deborah hat sich dann im Laufe der Geschichte immer wieder verändert. Ich weiß auch nicht, es schwappte von Hochachtung, das sie sich dem Widerstand anschließen möchte, hin zu Ekel, weil sie sich ihrem Stiefvater hin gibt und zwar schamlos. Am Ende war es dann einfach nur tiefe Trauer und unfassbares Mitleid, für all die Qualen, Erniedrigungen, die sie über sich hatte ergehen lassen müssen. Dafür, dass er sie so oft misshandelt, ob körperlich oder seelisch, das er sie im Dunkeln ließ, dass ihr Bruder den Bombenanschlag überlebt hatte und sie so für immer von ihrer restlichen  Familie trennte. Ich überlege gerade, ob es sogar angebracht wäre, Albrecht Brunnemann einfach mit „es“ (Das Monster) abzukürzen. Denn auch wenn er im Roman eine fiktive Person war, im wahren Leben war er es nicht. Dort hieß er Adolf Eichmann.  Im wahren Leben ist dieser grausamen Person der Prozess gemacht worden, er wurde für all seine Verbrechen bestraft und hingerichtet. Im Roman hingegen weiß man nicht genau, was mit Albrecht Brunnemann nach dem Ende des zweiten Weltkrieges passiert. Allerdings scheint es so, als ob er mit Hilfe des Italienischen Staates Europa verlassen konnte und ungeschollten sein armseliges Leben weiter leben durfte.

Man kann nachvollziehen, dass sie sich während ihres ganzen Lebens immer wieder selbst verletzten musste, um dem Schmerz der sie umgab einen Weg zu geben, sie nicht vollständig zu zerstören.  Ich möchte diese Art mit dem Schmerz umzugehen nicht gut heißen, aber man konnte es nachvollziehen, weil man den Schmerz selber in bestimmten Abschnitten spüren konnte. Nicht nur ihren sondern auch den von Marlene. Ich muss gestehen, dass mir Marlene am Anfang unglaublich unsympathisch war. Sie war so oberflächlich und wirkte naive und wie ein kleines Dummchen, dass sich einfach aushalten lässt, ohne darüber nachzudenken, was um sie herum passiert. Aber je näher Deborah und sie sich kamen, desto mehr konnte man hinter diese Fassade blicken und was man dort entdeckte, hat mich wirklich überrascht. Das ganze affektierte Gehabe war nur gespielt. Sie ist eine Widerstandskämpferin, eine unfassbar starke Frau, die sich nicht unterkriegen lässt, selbst die größte Schikane und der größte Hass haben sie nicht gebrochen. Das finde ich wahnsinnig beeindruckend und am Ende, als ich das Buch zugeklappt hatte, blieb vor allem sie mir im Gedächtnis.

Wer ein Buch sucht, dass sich mit einer schwierigen und brutalen Zeit in unserer Geschichte auseinander setzt, der tiefe, menschliche Abgründe aber auch Freundschaft, Unterstützung und den Mut selbst in dieser dunklen Zeit zu überleben, sehe möchte, dem kann ich diese Roman nur empfehlen!

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