Das Schmelzen der Gletscher …

Es folgt ein extrem langer Post, der so nicht geplant war, aber wer bis zum Ende ließt, der wird es nicht bereuen ^^

Gestern morgen hatte ich wieder Vorlesung. Es war relativ früh und ich war noch immer ziemlich müde. Unsere Professorin hat vorne ihr Ding gemacht, ich habe ihr mit einem Ohr zugehört und mich wieder in mein wunderbar warmes Bett gewünscht. Zum Ende ihres Vortrages kam sie dann auf ein Ereignis zu sprechen, dass sofort meine Aufmerksamkeit hatte: Exxon Valdez! Vielleicht kann der eine oder die andere mit diesem Namen nichts anfangen, deswegen ein kleiner Zeitsprung in die Geschichte.

Wir schreiben das Jahr 1989 und befinden uns im Last Frontier, Alaska, dem nördlichsten und westlichsten Bundesstaat der USA. Um genau zu sein, befinden wir uns in der Hafenstadt Valdez. Dieses kleine Städtchen, nur über eine Passstraße und den Wasserweg erreichbar hat eine große Öl-Verladestation der Trans-Alaska-Pipeline vor Ort und gilt als wichtiger Umschlagplatz. An diesem 24. März 1989 also, legt die Exxon Valdez von hier Richtung Süden ab. Zunächst sah alles nach reiner Routine aus, doch kurz nach Mitternacht lief das Schiff auf das Bligh-Riff im Prinz-William-Sund auf Grund. Gott sein Dank, hatte das Schiff trotz eines Fassungsvermögens von 210.000 Tonnen „nur“ 163.000 Tonnen geladen, was das Ausmaß der Katastrophe natürlich nicht verkleinert, aber wenn man sich vorstellt, noch mehr Öl wäre in diese sensiblen Ökosysteme geflossen, dann läuft es einem schon wieder kalt den Rücken herunter. Man muss sich mal vorstellen, dass der, und jetzt haltet euch fest, alkoholkranke Kapitän zu diesem Zeitpunkt betrunken in seiner Kammer lag und seinen Rausch ausschlief! Er ist der Kapitän und wenn man durch ein so unsicheres Gebiet wie den Prinz-William-Sund fährt, dann sollte man alle seine 5. und wer kann, auch 6. Sinne zusammen haben.

Bei diesem dramatischen Unglück liefen 37.000 Tonnen Rohöl (!) aus und verseuchten mehr als 2000 km Küste. Hunderttausende Vögel, Fische, Mikroorganismen und andere Tiere starben als direkte Folge des Unglücks.

Unsere Professorin hat gesagt, dass das Ausmaß der Katastrophe vor allem aufgrund von zwei Faktoren so erheblich ausgefallen ist. Zum einen waren die US-Behörden organisatorisch und hilfstechnisch überhaupt gar nicht auf ein solches Unglück vorbereitet. Zum anderen spielt das Klima in dieser Region eine unglaublich entscheidende Rolle. In Alaska ist es kalt, selbst im Sommer, auch wenn es Tage gibt, in denen es sehr heiß wird, aber die Durchschnittstemperatur liegt bei 11 – 15 °C. Mikroorganismen arbeiten am besten bei hohen Temperaturen (natürlich auch nicht extrem hoch, da sie sonst sterben würden). Diese Temperaturoptima finden sie in diesem Klimat nicht vor und arbeiten dadurch sehr langsam, was dazu führt, dass Tiere auf langer Sicht gesehen durch ihre Nahrungsaufnahme schleichend vergiftet werden, da das Ökosystem noch immer belastet ist. Um die Geschichte hier abzurunden und zu meinem eigentlichen Post zu kommen soll noch gesagt sein, dass als Folge dieses Unglücks, die USA eine Richtline (Oil Pollution Act of 1990) erließen, nach der alle Tankerneubauten über eine Doppelhülle verfügen müsse, wenn sie US-amerikanische Häfen anlaufen möchten.

Wie ich ja bereits erzählt habe war ich 2014 für einige Monate in Kanada und Alaska unterwegs. Auf unserem Road Trip hat es uns auch nach Valdez verschlagen und zu dem Zeitpunkt hatte ich von dem Unglück noch nie etwas gehört geschweige denn gelesen. Wie auch, ich war damals 1 Jahr alt und sobald ein Jahr ins Land gezogen ist, gibt es etwas neues worauf sich die Presse stürzen kann und solche Ereignisse geraten schnell in Vergessenheit. Leider! Auf jeden Fall, sind wir in Valdez, nach einer unfassbar atemberaubenden und in meinen Augen schönsten Autofahrt der ganzen Reise, angekommen. Die erste Nacht haben wir mit Blick auf die Stadt auf einem (ich glaube er war halbillegal) Campground übernachtet, keine 5 km neben der Öl-Verladestation. Am nächsten Morgen, noch völlig verschlafen, vor allem ja auch, weil im Sommer die Sonne dort oben nie wirklich unter geht, sind wir aus dem Zelt geklettert, haben schnell alles abgebaut und sind in die Stadt gedüst. Es hat nur geregnet, es war super kalt und unsere Stimmung war, verständlicher Weise, total im Keller.  Da wir vor allem mit dem Wunsch nach Valdez gekommen sind um dort Kanu zu fahren, sind wir direkt zu einem Verleih gegangen und haben uns für eine kleine Tour angemeldet. Abends wurden wir dann angerufen, das die Tour nicht zustande kommt, aber es gäbe eine größere, wo noch drei Personen fehlen würden und wir könnten für den gleichen Preis mitfahren. Da haben wir natürlich nicht Nein gesagt. Diese Tour sollte zum Columbia Glacier gehen, der sich 60 km nordwestlich von Valdez befindet und ungefähr eine Fläche von 1150 km² auf einer Länge von 50 km bedeckt.

Am nächsten Morgen, nachdem wir so dekadent waren und in einem Hotel übernachtet hatten (wegen dem Regen!) kamen wir morgens am Hafen an. Wir wurden ausgestattet, mit Schwimmweste, warmen Überziehern für die Paddel und lernten die Crew (mega fantastisch und unendlich liebe Menschen waren das!) für den heutigen Tag kennen. Dann hieß es, alle rauf aufs Boot, denn wie gesagt bis zum Gletscher war es noch ein Stück. Unterwegs haben wir Seebären, Weißkopfseeadler und mein Highlight auf diesem ganzen Trip, eine Buckelwal-Mama mit ihrem Jungen gesehen. Keine 10 m von unserem Boot kamen sie aus dem Wasser, haben Fontänen ausgestoßen, sind unter- und auf der anderen Seite unseres Bootes wieder aufgetaucht. Es war magisch. Ich stand da, hatte Gänsehaut am ganzen Körper und Tränen in den Augen. Es war einer meiner größten Wünsche, einmal im Leben einen Wal zu sehen, ohne dafür extra eine Tour gebucht zu haben, einfach dann, wenn der Zufall es will. Und was war das für ein Zufall, denn auf dem Rückweg, wo wir alle schon ganz emotional aufgeladen waren, haben wir noch einmal einen Buckelwale gesehen. Der Bulle ist sogar mit einem riesigen Sprung und offenem Maul aus dem Wasser gesprungen und hat gejagt. Selbst wenn ich da jetzt dran denke bekomme ich Gänsehaut. Es war WAHNSINN. Er hat sogar Laute von sich gegeben und unser Tourenguide meinte, selbst er, der schon etliche Jahre in Valdez wohnt, hat so ein Schauspiel auch noch nie erlebt. Noch nie und dann sehen wir es! Was für ein Glück und was für eine Ehre.

Irgendwann kamen wir dann in der Columbia Bay an. Dort sind wir vom Motorboot in die Kanus gewechselt und alle hinter Jeff (yeah mir ist sein Name wieder eingefallen ^^) her. Es war unfassbar. Unfassbar spannend, beängstigend und für mich sehr emotional. Ich habe zum zweiten Mal in meinem Leben einen Gletscher gesehen und das diesmal vom Wasser aus. Von dort unten sieht er viel imposanter und bedrohlich aus. Man hört ihn atmen, man sieht ihn arbeiten. Ab und zu hat man es laut rumpeln gehört und wenn man dann geschaut hat, wo das Geräusch her kam, dann sah man riesige Eisbrocken abbrechen und von der Gletscherwand abdriften. Wir mussten aufpassen, nicht zu nah an die Gletscher zu kommen, denn die Gefahr von ihnen gerammt und beschädigt zu werden war groß. Ich habe in diesen Stunden gelernt, was es heißt, Respekt vor der Natur zu haben. Was Klimawandel wirklich bedeutet und was er nicht nur für den Menschen für Auswirkungen sondern auch für alle Organismen hat, die mit uns zusammen auf diesem fantastischen Planeten leben. Dinge zu lesen und dann Dinge wirklich zu sehen, ist so ein Unterschied. Es öffnet dir die Augen und macht sensibel. Wenn jetzt jemand über Gletscherschmelze spricht, dann ist das für mich real und kein Ding der Unmöglichkeit oder etwas was mich eh nicht wirklich betrifft, weil ich in einem Land lebe, das keinen Zugang zum Meer hat. Es betrifft mich, es betrifft dich. Klimawandel ist real und jeder der etwas anderes behauptet, der ist naiv und blind. Als ich heute erfahren habe, das Donald Trump den Vorsitzenden der größten Klimaskeptiker-Organisation (Competitive Enterprise Interprise) zum neuen Umweltminister der USA gemacht hat, habe ich wieder diese Angst gespürt. Angst für unser aller Zukunft, denn wir haben nur diese eine Erde und wir verhalten uns, als hätten wir einen Masterplan für das, was da auf uns zukommen wird.

 

 

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