Woche 22 von 52 – Sprachlos

In der letzten Woche ist mir etwas bewusst geworden. Mir war das schon vorher klar, aber der Moment, wo ich es wirklich realisiert habe, war wie ein Schock für mich. Ich war wie elektrisiert.

Am 27. Januar war der weltweite offizielle „Holocaust-Gedenktag“. Für mich hat dieser Tag schon seit vielen Jahre eine wichtige Bedeutung und das nicht nur, weil der Holocaust ein Teil meiner eigenen und unser aller Geschichte ist. Er ist die Geschichte unseres ganzen Landes und ein Mahnmal an uns, dass uns zeigt, zu welchen Grausamkeiten wir Menschen fähig sind. Ich weiß, dass ich, meine Generation, genauso wie die Generation meiner Eltern und alle Generationen die nach mir kamen und noch kommen werden, keine Schuld an diesem unsagbaren Unglück tragen. Aber dennoch spüren wir etwas, wenn wir über die Zeit des Nationalsozialismus sprechen. Ich kann das nicht gut in Worte fassen. Ein unbestimmtes Gefühl ist immer dabei, man fühlt sich immer Verantwortlich für etwas, dass Menschen getan haben, lange vor deiner Zeit. Menschen mit denen du nicht verwandt bist. Und dennoch spürt man Schuld. Als ich vor zwei Jahren nach Wien gezogen bin, bin ich in den 2. Bezirk gezogen. Dieser Bezirk war schon seit jeher der jüdische Bezirk. In der Tempelgasse, genau bei mir ums Eck, stand der frühere Große Tempel, der in der Reichsprogromnacht unwiderruflich zerstört wurde. Auf alten Bildern sieht man seine unglaubliche Pracht, es war ein wunderschönes Bauwerk. Als ich zum ersten Mal (und es war wirklich mein erstes Mal!) einen orthodoxen Juden gesehen habe, konnte ich nicht anders, als auf den Boden zu blicken aus Scham. Es war ein älterer Herr, er hatte graues Haar, das sich in Locken an seinen Schläfen kräuselte und er trug einen dieser typischen Hüte. Er hatte ein sehr freundliches Gesicht und wache Augen. Ich habe ihn danach noch öfter gesehen und irgendwann habe ich es sogar geschafft ihn anzulächeln. Ich hatte Angst, sie würde mir ansehen, das ich Deutsche bin. Ich hatte Angst, sie würden mich dafür verurteilen, was ihren Familien angetan worden ist. Ich weiß, dass meine Angst unbegründet war und ist, aber diese Schuld sie lässt mich einfach nicht los. Sie hat mich auch dazu gebracht, in meiner Heimatstadt für eine alte, heruntergekommen Villa zu demonstrieren und mit vielen anderen eine Mahnwache, auch am 27. Januar abzuhalten, nur damit sie nicht einem völlig überteuerten Neubau der heimischen Feuerwehr weichen muss. Diese Villa gehörte vor dem zweiten Weltkrieg einer angesehenen und wohlhabenden jüdischen Familie. Ein Teil von ihnen konnte damals in die USA fliehen (welche eine Ironie zur heutigen Zeit!), aber ein Teil von ihnen wurde, wie so viele andere auch, nach Auschwitz deportiert und ermordet. Es hat nichts gebracht. Die Villa wurde abgerissen. Noch heute tut es mir im Herzen weh, wenn ich mit dem Zug nach Hause komme und anstatt dieser herrschaftlichen Villa nur eine hässliche moderne Feuerwache sehe.

Warum schreibe ich all das? Ich schreibe all das, weil mich die letzten Tage einfach Sprachlos zurück gelassen haben. Das was in den USA passiert und natürlich auch in der restlichen Welt lässt es mir eiskalt den Rücken herunter laufen. Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der Hass, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit, Angst und Terror leben. Warum lernen die Menschen nichts aus der Geschichte. Hat es nicht auch so angefangen? Wurden die Menschen damals nicht auch von Angst geleitet und wusste nicht einer besonders gut damit umzugehen? Ich habe Angst und diesmal ist sie begründet!

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