Alleine im Museum

Am Sonntag war ich im Museum. Nicht in irgendeinem Museum sondern in dem Kunsthistorischen Museum in Wien. Meiner Meinung nach ist es zusammen mit dem Naturhistorischen Museum gleich gegenüber eines der schönsten Museen das ich kenne. Alleine schon die beiden Gebäude an sich sind absolut sehenswert. Von Innen wie von Außen. Ich liebe es, durch diese gigantischen Räume zu wandeln, mir die Bilder der alten Meister anzusehen. Stehen zu bleiben, das Bild voll und ganz auf mich wirken zu lassen. Vielleicht setzten ich mich hier und da mal hin (es gibt dort in jedem Raum in der Mitte mehrere Sofas, so dass man einen fantastischen Blick auf die Gemälde hat) und lasse einfach die Umgebung auf mich wirken. Noch vor ein paar Jahren wäre ich nie freiwillig in ein solches Museum gegangen. Ich fand es langweilig und völlig altbacken mir irgendwelche Bilder von Herren (und auch Damen aber die sind deutlich in der Unterzahl) anzusehen. Ich habe die Geschichte dahinter nicht wahrgenommen, ich habe nur Pinselstriche und Farbkleckse gesehen, aber nicht, was für Meisterwerke das sind!

Meine Sicht hat sich geändert, als wir vor zwei Jahren bei unserem Mutter-Tochter-Treffen in Essen waren. Dort gibt es ja das Folkwang Museum. Ein modernes, luftiges Museum, mit alter und auch moderner Kunst. Wir haben dort eine Führung gemacht. Das Beste was man als ahnungsloser Kunstkenner machen kann. Ein sehr netter junger Herr hat uns dann in Empfang genommen und uns erst einmal etwas über die Geschichte des Hauses erzählt. Darüber wie es zur Zeit der Nationalsozialisten war, denn dort verlor das Museum in der „Aktion Entartet Kunst“ etwa 1400 Werke, darunter auch bedeutende Bestandteile der Sammlung. Danach sind wir durch das Museum gelaufen und bei herausstechenden Bilder stehen geblieben. Er hat uns erzählt, wie dieses Bild zum Beispiel entstand oder wer es für wen gemalt hat. Die Geschichte hinter dem Bild zu erfahren, hat mich so begeistert. Es hat mir die Augen geöffnet und mir irgendwie einen ganz anderen Zugang verschafft.

Zum Beispiel hing dort dieses Bild mit dem Titel „Der Sänger Jean Baptiste Faure als Hamlet“, gemalt von Èdouard Manet (1877). Dieses Bild war eine Auftragsarbeit, die aber vom Auftraggeber am Ende abgelehnt wurde. Warum fragt man sich jetzt, es ist doch ein schönes Stück Kunst geworden. Aber dem Herrn Faure gefiel nicht, wie er dargestellt wurde. Der Gesichtsausdruck nicht mutig, herrschaftlich und stolz genug. Die Haltung wage und abwartend. Er wollte sich in einer strahlenden Pose sehen, als großer Held. Ein klassischer Fall des aneinander vorbeireden. Manet (gilt als Wegbereiter der modernen Kunst) hatte gedacht, er sollte nicht Faure selbst darstellen sondern die Figur die er verkörpert, also Hamlet! Ein grundlegender Unterschied! Das eine wäre ein Portrait geworden, in der Art und Weise, wie sich Faure selbst sieht und sich auch gerne glorifiziert hätte. Das andere wäre ein Portrait der Figur Hamlet, was es letzten endlich ja auch geworden ist.

Ich fand das faszinierend. Vor dem Hintergrund kann man verstehen warum Faure dieses Werk nicht ausstellen bzw. kaufen wollte. Man kann aber auch verstehen, warum Manet ihn so gezeichnet hat, denn die Figur Hamlet ist verunsichert, er steht an einem Wendepunkt und all das spiegelt sich in seinen Augen, in seinem Gesicht, in seiner Haltung.

Seit diesem Moment ist, so kitschig wie sich das anhört (bitte verzeiht mir) Kunst nicht einfach nur Kunst. Es ist festgehaltene Geschichte und zwar manchmal persönlicher als gefundene persönliche Gegenstände von Menschen von vor Hunderten von Jahren.

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